Sich selbst annehmen, statt sich für das Zerstören der Natur zu verurteilen – für eine kindertaugliche Zukunft

In den Medien wird immer wieder ein düsteres Bild unserer Zukunft heraufbeschworen. Wenn ich diese Berichte wörtlich nehme, muss ich mich ernsthaft fragen, wie wir dann eigentlich weiterleben sollen, ohne in all unserer Schuld zu ertrinken und Angst vor der Zukunft zu haben? Und wie sollen unsere Kinder lernen, mit Freude und Zuversicht eigene Wege zu gehen, wenn wir sagen, der Mensch ist schlecht, weil er alles zerstört?

Die folgenden Gedanken helfen vielleicht dabei, dass wir unsere Lebensweise, so wie sie ist, mit all ihren Unzulänglichkeiten, annehmen können, statt sie permanent zu verurteilen. Wir werden die Zeit nicht zurückdrehen. Und dieser Boden ist der einzige, den wir haben: Der Boden der Tatsachen, auf dem wir stehen. Er trägt das Gegenwärtige und ist der Nährboden für eine Zukunft, die für unsere Kinder lebens- und liebenswert sein wird – trotz Klimawandel.

Bevor wir uns eine Zukunft vorstellen, sollte uns bewusst werden, was vor uns war…

Vor etwas 2,5 Milliarden Jahren stieg die Sauerstoffkonzentration in der Erdatmosphäre plötzlich an und führte zur sogenannten großen Sauerstoffkatastrophe und damit zu einem der größten Massensterben in der Erdgeschichte: Denn für die bis dahin ohne Sauerstoff lebenden anaeroben Urbakterien war dieser Sauerstoff giftig. Doch woher kam dieser Anstieg? Es sollen wohl die Urbakterien selbst gewesen sein, die Sauerstoff als Nebenprodukt hergestellt und damit die Urmeere angereichert haben. Damit verhalfen Urbakterien durch eine selbstverursachte Nährstoffkrise zum Evolutionssprung. Denn für komplexere Lebewesen war diese „Katastrophe“ der entscheidende Schritt in der Evolution, auf den sie mit einer weiteren Erfindung reagierten: Der Sauerstoffatmung.

Indem wir als Menschheit durch unsere Lebensweise, die wir im Laufe der letzten vier Millionen Jahre entwickelt haben, die Gegebenheiten auf unserem Planeten verändern, schaffen wir vielleicht gleichzeitig – so wie die Urbakterien auch – eine neue Grundlage für einen nächsten Evolutionsschritt. Die Evolution erschafft immer entwickeltere Wesen und Formen des Bewusstseins, einschließlich des Selbstbewusstseins und spirituellen Bewusstseins. Nicht etwa durch Altruismus oder Kalkül, sondern weil es der einzige Weg ist; aus der Notwendigkeit heraus, damit Leben aus sich selbst heraus weiterbestehen kann.*

…und was gegenwärtig ist

Obwohl wir wissen, dass die Evolution ein Wandlungsprozess ist, in dem wir als Spezies mittendrin sind, tun wir uns schwer damit, bevorstehende Veränderungen wie den Klimawandel, der im Übrigen auch ohne uns Menschen stattfindet, zu akzeptieren und anzunehmen. Vielleicht weil wir uns einfach nicht vorstellen können, dass wir uns zu noch höheren und komplexeren Wesen weiterentwickeln können. Wir befinden uns in einem Übergang und sind somit noch hin- und hergerissen. Während Maschinen uns in die fernsten Winkel der Erde und sogar in den Weltraum befördern, hadern wir noch im Alltag mit den Konsequenzen, die unsere Lebensweise mit sich bringt wie fehlende Verbundenheit und Entfremdung. Aber ist Entfremdung nicht auch irgendwie eine natürliche Folge innerhalb der Geschichte der Menschheit und innerhalb des Evolutionsprozesses – vielleicht sogar eine notwendige Folge, um überhaupt für den Wandel bereit zu sein und irgendwann das Vergangene loszulassen?

Ortsgebundene europäische Traditionen sind heute die Ausnahme. Da ist der Blick auf andere Kontinente, auf denen lebensförderndes kulturelles Erbe vitaler zu sein scheint, verlockend*. Meine Zeit in Südamerika hat daher auch mir bewusst gemacht, wie wenig Zugang ich in Deutschland zu altem Brauchtum wie Tanz und Musik habe; aber auch, dass in Südamerika viele Menschen ein naturnäheres Leben nicht aus einer bewussten Entscheidung heraus mit Freude leben, sondern weil sie es einfach nicht anders kennen. Der Wunsch nach einem „moderneren“ Leben ist daher weit verbreitet.

Und ich habe auch feststellen dürfen, dass Deutschland nicht nur mein Zuhause, sondern auch meine Heimat ist – ich mag mein Leben hier, so wie es ist. Ich glaube, dass uns das Leben in Wohlstand nicht glücklicher macht, aber dass es auch nicht der Grund für unsere Unzufriedenheit ist, die wir manchmal im Alltag spüren. Es ist nicht die böse westliche Welt, die uns niederdrückt, sondern wir selbst, wenn wir verzweifelt, hoffnungslos und ohne Mut der Zukunft entgegenblicken.

Wie können wir unseren Kindern das Gefühl einer lebens- und liebenswerten Zukunft vermitteln?

Die Faszination für Technologien ist ungebrochen – vor allem bei jungen Menschen. Das wird mir immer bei meiner Arbeit mit Jugendlichen im Rahmen der Berufsfelderkundungen zum Thema Wirtschaft bewusst. Ich spreche dabei immer über die Folgen unseres wirtschaftlichen Handelns und unsere Aufgabe für die Zukunft, wenn wir wollen, dass unsere Kinder und Enkelkinder noch ein gutes Leben auf diesem Planeten haben sollen. Die Aufgabe der Schüler ist es daraufhin Ideen für eine neue „bessere“ Welt zu entwickeln: Häufig sind es technologische Erfindungen, die präsentiert werden, wie Computer-Chips, die in unsere Gehirne eingepflanzt und auf denen Lerninhalte gespeichert werden können. Das zeigt mir immer, dass zukünftige Generationen immer empfänglicher für die Möglichkeiten der Technik sein werden als meine Generation oder die Generation meiner Eltern oder Großeltern. Es ist ein natürlicher Vorgang, da sie mit einer größeren Selbstverständlichkeit damit aufwachsen. Somit glaube ich, dass die Entwicklung in diese Richtung weiter voranschreiten wird und der Mensch und damit auch die Lebensbedingungen auf der Erde sich weiter im Sinne des Evolutionsprozesses verändern werden.

Dennoch habe ich oft mit mir gehadert, ob ich diese Ideen in diesem Moment kritisch hinterfragen sollte. Als für mich noch wichtiger empfand ich jedoch, die Ideen einfach mal unkommentiert so stehen zu lassen und mit dieser Entwicklung und all ihren zukünftigen Folgen Frieden zu schließen. Ich glaube es ist notwendig und bestärkt uns darin, weiter zu gehen und uns wieder auf die wesentlichen Energien in uns zu konzentrieren: Hoffnung, Vertrauen, Glaube und Mut. Dann können wir erkennen, dass unsere moderne Welt mit all ihren Möglichkeiten uns zwar gerne vom Wesentlichen, nämlich dem Erkennen unseres Selbsts, ablenkt, uns aber auch ebenso viele Möglichkeiten bietet, das Leben bewusst neu zu gestalten – bei diesem Bewusstseinsprozess Schritt für Schritt die naturgegebenen Potenziale und damit das Wunder der Schöpfung in mir selbst zu erkennen – ist für mich einfach Freude pur! Es ist das, was ich seit fünf Jahren bewusst tue und auch weiterhin für mich so leben möchte und damit auch meinem Kind vorleben werde. Und ich weiß jetzt schon, dass mein Kind eines Tages für sich selbst entscheiden wird und vielleicht auch ganz neu und anders darüber denken wird, als ich es jetzt tue. Auch das gilt es am Ende für mich zu akzeptieren und nicht zu verurteilen. Ganz im Gegenteil: Es ist mein guter Vorsatz, es willkommen zu heißen, denn es ist eine tolle Chance, mich wieder auf neue Einsichten einzulassen und den eigenen Horizont zu erweitern. Und dann muss Veränderung und Wandel zwischen den Generationen und darüber hinaus nicht Entfremdung oder Isolation bedeuten, sondern kann durch einen lebendigen Austausch zu einer starken Beziehung und Gemeinschaft führen.

Und das ist vielleicht auch der Schlüssel dafür, wie wir Verbundenheit in einem sich verändernden Lebensraum spüren können.

Sich von den Mitmenschen so angenommen zu fühlen wie man ist – bedeutet geborgen sein im hier und jetzt, im Fluss der Zeit. Das macht uns zu Eingeborenen und es bedeutet Verwurzelung und Verbundenheit und es macht Menschen im allgemeinen „sturmfest“ – die perfekte Vorbereitung also, um den Klimawandel zu überleben – unabhängig davon, in welchem Land  oder in welcher Kultur wir leben.

Eine Frage, die bleibt:

Wenn wir sagen, es bringt uns nicht weiter, uns für schuldig zu erklären, weil es uns lähmt, Angst in unseren freien, kreativen und lebensfrohen Geist bringt und uns somit vom Fluss des Lebens trennt, sind wir dann nicht mehr verantwortlich? Können wir überhaupt verantwortlich sein, wenn wir davon ausgehen, dass wir ein untrennbarer Teil des Kosmos sind? Oder ist die Idee der Verantwortung, die so moralisch und korrekt klingt, nicht eigentlich nur eine Spielerei unseres Egos?* (Oya-Ausgabe 48, S.11)

 


*Inspired by:

Oya-Magazin Ausgabe 47/46/44

Politik des Herzens, Geseko von Lüpke (Im Gespräch mit Henryk Skolimowsky)

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